Das EU-Parlament hat am 16. Juni 2026 das sogenannte AI Omnibus-Paket verabschiedet, ein umfangreiches Änderungspaket zur KI-Verordnung. Das Ergebnis: 423 Ja-Stimmen, 57 Nein-Stimmen, 174 Enthaltungen. Für Unternehmen sortiert das Paket den Zeitplan der EU AI Act-Pflichten erheblich um. Die wichtigste Erkenntnis vorweg: Hochrisiko-Fristen verschieben sich deutlich nach hinten. Die Transparenzpflicht für Chatbots kommt trotzdem in sechs Wochen.
Was der Omnibus konkret verändert
Drei Punkte sind für Betreiber von KI-Systemen im Mittelstand unmittelbar relevant.
Kennzeichnung KI-generierter Inhalte. Die Pflicht, KI-generierte Texte, Bilder, Audio und Video als solche zu kennzeichnen, verschiebt sich vom 2. August auf den 2. Dezember 2026. Das gibt Unternehmen vier Monate mehr Zeit, Labeling-Prozesse für automatisch erzeugte Inhalte zu implementieren.
Hochrisiko-KI-Systeme. Für eigenständig betriebene KI in Hochrisiko-Bereichen wie Personalauswahl, Kreditbewertung oder Verkehrsinfrastruktur gilt die volle Konformitätspflicht nun erst ab dem 2. Dezember 2027. KI, die als Sicherheitskomponente in regulierten Produkten wie Maschinen oder Medizingeräten eingesetzt wird, hat bis zum 2. August 2028 Zeit. Beide Fristen lagen ursprünglich deutlich früher.
KMU-Erleichterungen. Das Omnibus-Paket erweitert die KMU-Definition auf Unternehmen mit bis zu 750 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz bis 150 Millionen Euro. Betriebe in dieser Größenklasse profitieren von einem vereinfachten Compliance-Rahmen, insbesondere bei Dokumentationspflichten für Hochrisiko-Systeme.
Ergänzend tritt ab dem 2. Dezember 2026 ein neues Verbot in Kraft: KI-Systeme, die ohne ausdrückliche Einwilligung der abgebildeten Person sexuell explizites Bild- oder Videomaterial erzeugen, sowie Systeme, die Missbrauchsdarstellungen von Kindern generieren, sind dann untersagt. Für produktive Geschäftsanwendungen ist das kein direktes Thema, aber es vervollständigt das Bild des Omnibus.
Was trotzdem ab 2. August gilt
Der Omnibus hat die Transparenzpflichten aus Artikel 50 für KI-Interaktion nicht verschoben. Sie treten wie geplant am 2. August 2026 in Kraft.
Chatbot-Kennzeichnung. Jedes KI-System, das auf Gesprächsbasis mit Menschen interagiert, ob für Kundenkommunikation, internen Helpdesk oder Bewerber-Erstkontakt, muss ab dem 2. August als KI erkennbar sein. Nutzerinnen und Nutzer müssen wissen, dass sie mit einer Maschine sprechen. Ein sichtbarer Hinweis im Interface oder in der ersten Gesprächszeile erfüllt die Pflicht. Was nicht erfüllt ist: schweigen.
Diese Pflicht betrifft viele Betriebe, die gerade damit begonnen haben, Chatbots produktiv einzusetzen. Sechs Wochen sind noch Zeit für die Umsetzung.
KI-Kompetenzpflicht. Die Schulungspflicht nach Artikel 4 gilt bereits seit Februar 2025 und wurde durch den Omnibus nicht berührt. Wer KI einsetzt, muss sicherstellen, dass die zuständigen Mitarbeitenden Funktionsweise, Grenzen und Risiken der genutzten Systeme verstehen. Wie das rollenbasiert und nachweispflichtig aussieht, erklärt der Beitrag EU AI Act Schulungspflicht.
Einordnung: Was das für deinen Betrieb bedeutet
Der Omnibus bringt echte Entlastung bei Hochrisiko-Systemen. Wer Bedenken hatte, bis August mit Bewerberauswahl-KI oder anderen potenziell hochriskanten Anwendungen konform zu sein, hat jetzt deutlich mehr Zeit.
Die Transparenzpflicht für Chatbots läuft davon unabhängig. Sie kommt trotzdem am 2. August, unabhängig von Betriebsgröße und Risikokategorie.
Für die meisten Mittelstandsbetriebe ergibt sich damit eine klare Reihenfolge:
Sofort: Welche Chatbots oder gesprächsbasierte KI-Systeme laufen im Unternehmen? Sind sie als KI gekennzeichnet?
Bis 2. August: Chatbot-Transparenz in allen Kundenkontaktpunkten und internen Systemen umsetzen.
Bis Dezember 2026: KI-inventarisieren, Systeme klassifizieren, Labeling-Prozesse für KI-generierte Inhalte aufsetzen.
Bis Ende 2027: Hochrisiko-KI-Workflows konform machen, sofern vorhanden.
Den vollständigen Rahmen, was der EU AI Act von Betreibern verlangt und wie du deine Systeme klassifizierst, beschreibt der Beitrag EU AI Act: Was die KI-Verordnung für dein Unternehmen bedeutet. Wer jetzt klären will, wo in seinen KI-Workflows akuter Handlungsbedarf besteht, kann das im KI-Prozess-Audit einordnen: 30 Minuten, kostenloses Erstgespräch, direkte Einschätzung. Die laufende Governance, also Schulungsnachweise, Inventaraktualisierung und Fristen-Monitoring, läuft dann über die KI-Betriebsbegleitung.
